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Die Brauerei hinter der Erhellung

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Dirk Omlor
Dirk Omlor vom 26.09.2019
Dirk Omlor war rund zwei Jahrzehnte Redakteur bei renommierten Getränke-Fachverlagen. Im Juli 2018 gründete der Dipl.-Ing. für Brauwesen zusammen mit seiner langjährigen Kollegin, Barbara Rademacher, ein Text- und Beratungsbüro mit dem zentralen Projekt getraenke-news.de.
 

„Wir sind die Zusatzzahl“

Mitten im Münchner Stadtteil Giesing hat Steffen Marx vor einigen Jahren seinen Traum von einer eigenen Brauerei verwirklicht. Seitdem geht es steil bergauf. Die Nachfrage nach den Bieren ist riesig.

Imposant ragt der Turm der Heilig Kreuz Kirche in Giesing in den Himmel. Wer den Berg in dem Münchner Stadtteil hinauffährt, kommt direkt an Giesings Wahrzeichen vorbei. Es ist die letzte vollständig erhaltene neugotische Kirche der Stadt und war bis zum Bau des Olympiaturms der höchste Punkt Münchens. Ein paar hundert Meter weiter liegt das Grünwalder Stadion, die Heimat des Fußballvereins 1860 München. 

Wer von der Kirche aus über die große Kreuzung auf die gegenüberliegende Straßenseite wechselt, landet direkt beim Giesinger Bräu und seinem Bräustüberl. Kein Wunder also, dass die Giesinger Heilig Kreuz Kirche der dominierende Teil des Brauerei-Logos ist. Ein Logo, das Tradition und Heimatverbundenheit ausstrahlt. Die grünen Kästen mit dem gelben Giesinger-Schriftzug wirken irgendwie vertraut, obwohl keine andere Brauerei der Stadt diese Farben verwendet. Kurz: Wer es nicht besser weiß, ist überzeugt, dass es sich um eine alteingesessene Brauerei handelt. Dabei ist sie erst vor 14 Jahren gegründet worden. Und die Farben Grün und Gelb sind nicht zufällig gewählt. Brauereigründer Steffen Marx ist 60er-Fan und die Farben des Sportvereins sind Grün-Gold. Nur die Fußballabteilung von 1860 München ist Weiß-Blau.

Es begann in einem Hinterhof

Angefangen hat alles 2005 in einem Hinterhof in Untergiesing. Kurz zuvor hatte Brauerei-Chef Marx sein Studium für Brauwesen in Weihenstephan abgebrochen. Gemeinsam mit dem befreundeten Braumeister Tobias Weber beginnt er, unter dem Namen „Bierlaboratorium“ in der Garage zu brauen. 2008 gründen sie die Giesinger Biermanufaktur und Spezialitätenbrau GmbH. Bald darauf steigt Tobias Weber wieder aus. Er will seine eigenen Wege gehen. Die Biere braut von nun an Simon Rossmann. Der Diplom-Ingenieur für Brauwesen hatte sich bereits während des Studiums mit Marx angefreundet und leitete für ihn Braukurse. 
Steffen Marx treibt das Projekt nun alleine voran. Mit Erfolg: Die erste Neugründung einer Brauerei in München seit 1889 sorgt für Aufmerksamkeit, die Biere kommen gut an. 2011 ist mit 1.000 Hektolitern die Kapazitätsgrenze erreicht. Eine neue Brauerei muss her. Um den Neubau zu finanzieren, sammelt Marx Geld über ein Crowdfunding. 2014 wird die neue Braustätte am heutigen Standort samt Bräustüberl eröffnet. 650 Menschen hatten investiert. Bis 2018 startet Marx noch drei weitere Crowdfunding-Aktionen. Insgesamt haben über die Jahre rund 2.500 Fans gut 2,14 Millionen Euro in die Brauerei gesteckt. 

Investoren sind Markenbotschafter

Die Geldgeber erhalten jährlich sechs Prozent Zinsen (die Ersten erhielten acht Prozent) in Form von Biermarken oder Gutscheinen fürs Bräustüberl. Das schafft eine enorme Bindung zur Brauerei. „Die Leute haben anfangs in eine Ruine investiert und sind heute unsere Markenbotschafter“, sagt Marx. Sein Konzept geht auf: Giesinger ist von Anfang an voll ausgelastet. Gut 10.000 Hektoliter werden jährlich gebraut. 1.000 Hektoliter davon gehen allein im Bräustüberl über die Theke. Um die steigende Nachfrage zu decken, wird gerade im Norden Münchens eine zweite Brauerei gebaut. Dort können dann ab Mai 2020 noch einmal gut 35.000 Hektoliter hergestellt werden. 
Aktuell startet Giesinger das nächste Crowdfunding. Ein original Münchner Hell will Marx künftig brauen. Das Wasser hierfür muss aus einem Tiefenbrunnen kommen. So steht es in den Statuten der Stadt München. Deshalb soll am neuen Standort gebohrt werden. Die Kosten hierfür: 700.000 Euro. Marx erwartet, dass rund 1.500 Leute das Projekt unterstützen werden. 

14 verschiedene Biere im Sortiment

Das meistgetrunkene Bier der Brauerei ist „Die Untergiesinger Erhellung" ein unfiltriertes, naturbelassenes Helles. Insgesamt 14 verschiedene Biere sind im Angebot. „Wir und auch unsere Kunden lieben die Vielfalt“, sagt Marx. Und immer wieder entwickelt Braumeister Simon Rossmann neue Sorten. Die neuen Rezepte werden zunächst auf einer kleinen 30-Liter-Brauanlage getestet. Wenn dort alles passt, werden im Sudhaus 3.000 Liter gebraut, die dann im Bräustüberl ausgeschenkt und ab Hof in Flaschen verkauft werden. „Wenn die neue Sorte gut ankommt, nehmen wir sie ganzjährig in unser Sortiment“, erklärt der Bräu.

Alle Giesinger-Biere werden hochpreisig verkauft. Der Kasten Helles kostet gut 20 Euro, andere Sorten etwas mehr. „Es gibt genügend Leute, die bereit sind, für gute Lebensmittel etwas mehr Geld auszugeben. Die wollen dann aber auch wissen, wo alles herkommt und wie nachhaltig die Produktion ist. Genau das ist unsere Zielgruppe“, sagt Marx. Die Rohstoffe für die Giesinger Biere kommen alle aus Bayern. In Zukunft will er zwar mit dieser Zielgruppe weiterwachsen, doch wenn die Kapazitätsgrenze am neuen Standort erreicht ist, werde es keinen weiteren Ausbau mehr geben. „In dieser Größe können wir Handwerk noch glaubhaft darstellen und können die Brauerei zum Anfassen bleiben“, sagt Marx. Er wolle die kleine Underdog-Brauerei bleiben und eben Dinge tun, die die Großbrauereien nicht tun können. „Es gibt in München sechs traditionsreiche Brauereien. Wir sind die Zusatzzahl.
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