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Kraftpaule - Die Stuttgarter Craft Beer Pioniere

Kraftpaule - Die Stuttgarter Craft Beer Pioniere

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Interview mit Kraftpaule Gründer Thorsten Schwämmle

Mehr als 100 Jahre lang war die Neckarstraße eine der wichtigsten Adressen für Bierfans in Stuttgart. Von 1861 bis 1971 stand hier die Brauerei Wulle. Nach Verkauf an den Wettbewerber Dinkelacker wurde die Brauerei geschlossen und die Gebäude abgerissen. Heute ist die Neckarstraße wieder auf der Landkarte der Bierfans zurück. Denn heute ist dort der Kraftpaule zu Hause. Wir haben uns mit Geschäftsführer Thorsten Schwämmle auf ein Bier und ein paar Fragen getroffen.

Wie ist Kraftpaule entstanden und was steckt dahinter?

Kraftpaule sind eigentlich 10 gute Freunde, die jedes Jahr gemeinsam auf Bierreise waren. Wir haben viele Brauereien in Bayern und Oberschwaben besucht. Dabei haben wir festgestellt: Je kleiner die Brauerei, desto interessanter die Biere und Geschichten dahinter. Dann kam der Begriff "Craft Beer" auch in Deutschland auf und wir haben gemerkt, dass das genau unser Ding ist. Doch hier vor unserer Haustüre gab es praktisch nichts in dieser Art. 
Da haben wir gesagt, dann machen wir's eben selber! Aus einer "Bierlaune" heraus haben wir das "Erste Stuttgarter Craft Beer Festival" auf Facebook ausgerufen. Innerhalb von 2 Wochen sind 3.000 Zusagen eingegangen – dabei hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal eine Location. Mittlerweile sind wir beim 5. Craft Beer Festival mit 5.000 Besuchern an einem Wochenende und haben "nebenher" noch unsere Bar aufgemacht.
In unserer Kraftpaule Bar können wir das komplette Thema Craft Beer abbilden. Wir wollen der kompetente Craft Beer-Ansprechpartner sein, der Pionier, der das vorantreibt. Wir sind Bar, Shop, Tasting Room und machen das Festival und vieles mehr.

Welches Publikum zieht Ihr mit diesem Konzept an?

Das Schöne am Thema Bier ist, dass das Publikum extrem breit gefächert ist. Wir lieben es, dass hier Jung und Alt gemeinsam am Tisch sitzen und ins Gespräch kommen. Der Frisör mit dem Bänker, die Seniorin mit dem Hipster. Wir sind zum einen eine klassische Viertelkneipe für die Umgebung, viele kommen aber auch gezielt von weiter weg, zum Beispiel für einen Braukurs. Und wir haben ein internationales Publikum. Wenn man "Craft Beer Stuttgart" googelt, findet man unsere Bar. Da kommen Amerikaner, Russen und Asiaten. Eins haben unsere Gäste aber gemeinsam. Ees sind eher Genussmenschen, die teils aus einer ganz anderen Richtung kommen, zum Beispiel vom Wein, Whisky oder Zigarren. Menschen, die auf der Suche nach einem individuellen Geschmack sind und nicht immer das gleiche Bier trinken wollen.
 

Kraftpaule ist auch der Name eure eigenen Biermarke. 
Braut ihr die hier im Laden?

Nein, mit unserer 100 Liter-Anlage im Laden kommen wir leider nicht weit. Aber wir haben mit Camba Bavaria im Chiemgau einen super Partner, da brauen wir unsere Biere. Die Zusammenarbeit mit dem Brauer verläuft immer so: Ich sag genau, was ich will – und er macht dann das Gegenteil davon. Für unser erstes Bier wollte ich eigentlich ein fruchtig-spritziges Pale Ale. Beim Gespräch mit dem Braumeister haben wir aber dann festgestellt, dass wir eigentlich mit einem traditionellen Bier anfangen müssen. Darum brauchten wir zunächst ein süffiges Hausbier, mit einem Twist. Bei diesem Bier soll der traditionelle Biertrinker sagen "schmeckt mir gut" und dann können wir sagen: "Ja, aber hast du gemerkt: Da sind drei verschiedene Spezialitätenmalze drin und ein Aromahopfen, der leicht nach Beere schmeckt." Wir wollten einen Türöffner – und das ist unser Helles.

Beschreibe mal eure Eure drei eigenen Biere!

Unser Kraftpaule Helles ist ein bernsteinfarbenes Lagerbier, untergärig und extrem süffig. Es hat drei verschiedene Spezialmalze drin, die es ein bisschen in die Vanille-Toffee-Malz-Richtung bringen. Dazu noch einen Aromahopfen, den Hallertauer Monroe, der ganz leicht eingesetzt ist. Der hat ein rotbeeriges Aroma, das die Malzsüße noch unterstreicht und eine komplexe Süße reinbringt. Es ist kein stark gehopftes Bier, wie es ein Helles eben auch nicht ist. Unser zweites Bier ist unser Casitra Pale Ale. Pale Ale wörtlich übersetzt ein "blasses obergäriges Bier". Pale Ale ist ein englischer Bierstil, der durch die Craft-Bewegung in den USA neu interpretiert wurde – mit viel Aromahopfen, weil es das auf dem US-Biermarkt nicht mehr gab. Unsere Haupt-Hopfensorten sind Calypso, Simco und Citra – daher auch der Name Casitra. Diese Hopfen haben eine sehr starke Zitrusfruchtigkeit, exotische Früchte wie Lychee, Maracuja, Grapefruit.
Das ist ein Bier, an dem man dran riecht und erstmal sagt "Wow! Was ist denn da drin?" – gar nix, nur Hopfen! Und wenn man es dann trinkt, merkt man: Es ist eigentlich ein herbes Bier. Nicht sonderlich süßlich oder fruchtig im Geschmack, sondern schön trocken und herb. Ähnlich dem Pils – nur eben obergärig, mit einem schönen Hopfenaroma.
Dann haben wir noch das Kraftpaule Weizen. Wir haben uns die Frage gestellt: Was erwartet man von einer Craft Beer Bar? Bestimmt kein Weizen! Wir wollten ein schlankes Weizenbier, süffig für den Sommer – nicht so schwer und dunkel wie manche bayerischen Biere. Da trinkst Du eins oder zwei und bist satt. Unser Weizen sollte extrem spritzig sein und runter gehen wie Öl. Da nehmen wir den Mandarina Bavaria Hopfen, der ein Mandarinen-Aroma und eine schöne Bitterkeit hinten mitbringt.

Bei Worten wie Mandarinen-Aroma denken viele Verbraucher an Chemie

Das muss man mal betonen: Für Craft Beer in den USA und auch bei den ernsthaften Craftbrauern in Deutschland gilt das "Natürlichkeitsgebot". Das heißt: Du wirst bei ihrem Craft Beer nie künstliche Aromen oder irgendetwas Unnatürliches finden. 

Was sind weitere typische Vorurteile, denen Ihr begegnet?

Es gibt so ein paar Lieblingssprüche. Der erste ist "Craft Beer?! Hatte ich schon, schmeckt mir nicht!" – denn viele Leute glauben, es ist eine bestimmte Art von Bier. Das liegt auch daran, dass Craft Beer kein definierter Begriff in Deutschland ist.
Weiteres Vorurteil "Also das gepanschte Zeug will ich nicht". Der Hinweis aufs Reinheitsgebot kommt dann auch immer. Das Reinheitsgebot alleine ist für uns aber kein Qualitätsmerkmal, genauso wenig wie der Begriff Craft Beer. Es kann in beiden Bereichen super interessante Biere geben.
Dann ist der Bierpreis insgesamt ein Thema. Viele hochwertige Craft Biere kommen zum Beispiel in der Dose – für viele in Deutschland ein No Go. "Was? Dosenbier für 8 EUR?!", so was hören wir immer wieder.

Du hast eben die Schwierigkeit einer genauen Definition angesprochen. Was ist denn jetzt überhaupt Craft Beer? 

Craft Beer ist für mich mittlerweile ein historischer Begriff. Entstanden aus der Prohibition in den USA als Gegenbewegung zum Notstand. Es gab bis in die 1970er-Jahre weniger als 10 Brauereien, die den US-Markt beliefert haben, von früher einmal über 4.000. Dann kam die Craft Beer-Revolution, heute gibt es wieder über 7.000 Brauereien in den USA. Das ist das Ding, was Craft Beer ausmacht: Vielfalt, Regionalität, von mir aus auch noch Bio, ohne Zusätze etc. 
Craft Beer ist eine Bewegung, bei der die Leute mehr über ihre Lebensmittel wissen wollen: Wer macht es, wer steckt dahinter, was ist drin.
 

Zurück nach Deutschland: Gerade im Süden gibt es viele Brauereien, die in überschaubarer Menge und auch viele Spezialitätenbiere brauen. Ist das nicht auch Craft Beer? 

Nein, das ist für mich kein Craft Beer. Das ist die deutsche Bierkultur. Und die hatte nie einen Notstand wie in Amerika, sondern war immer auf einem sehr guten Niveau. Was ihr gefehlt hat in den letzten Jahren ist die Vielfalt. Und da können wir uns die Craft Beer Bewegung in den USA anschauen und feststellen: Es gibt interessante Bierstile und Brauarten, die wir in Deutschland gar nicht kennen und die können wir jetzt übernehmen. Wir tun uns aber keinen Gefallen, wenn wir den Begriff so verwischen und z.B. sagen, dass jede deutsche Brauerei unter 7 Mio Hektoliter Craft Beer macht. Das ist einfach nicht so.
Auf einmal schreiben größere Brauereien "Craft Beer" auf ihre Produkte –die wollten vor ein paar Jahren nichts mit unserer Szene zu tun haben. Das tut der Sache nicht gut. Denn dann steht im Supermarkt ein "Craft Beer" von einer Industriebrauerei und dann definieren die auf einmal mit, was Craft Beer ist. Und dann kommen wir wieder dahin, dass Leute sagen "Hab ich probiert, mag ich nicht".
 

Wenn man mit dem einen oder anderen Branchenvertreter spricht, hört man immer wieder: "Craft Beer ist ein Hype, aber mengenmäßig geht da nicht viel".

Mich nervt diese Arroganz. Das liegt natürlich daran, dass Craft Beer nicht im selben großen Stil vertrieben wird und nicht so verfügbar ist. Könnten wir unsere Biere in großer Menge und zu einem guten Preis in den Markt bringen, dann würde die Sache ganz anders aussehen. Das ist einfach eine Sache von Verfügbarkeit und dass der Biermarkt so aufgebaut ist, dass die Großen sich überall reinkaufen und dann einen Kasten für 10 EUR anbieten können. 
Da stoßen wir an unsere Grenzen –Da können und wollen wir nicht mitmachen. Wir wollen, dass die Leute unser Bier gut finden und uns deshalb kaufen.
Ich hab noch einen Punkt, weil Du das Wort "Hype" benutzt hast. Ich sehe das anders. Denn der eigentliche Hype war der Trend der Industrialisierung, der viel kaputt gemacht hat. Früher gab's zwar kein Craft Beer – aber es gab kleine Brauereien, wo man Bier in der Flasche abgeholt hat. Das war dann 2-3 Wochen haltbar, dann hat man ein neues geholt. Eigentlich ist Craft Beer eine Rückbesinnung auf die Vielfalt, die es mal gab und auf die Handwerkskunst. Und damit das Gegenteil eines Hypes.
 

Zeit für eine Zwischenbilanz: Was hat die Craft Beer-Szene in Deutschland bislang erreicht?

Craft Beer hat der Bierkultur extrem viel genutzt. Das Thema Bier steht wieder im Mittelpunkt und man kann unglaublich viel dabei entdecken. Es gibt kein komplexeres alkoholisches Getränk als Bier –und das ist eine Sache, die langsam wieder kommt. Ich hätte vor 8 Jahren nie gedacht, dass ich mal ein Beer Tasting mache und dazu Schokolade esse. Damals hatte ich mein Export und das war für mich Bier. Fertig. 

Craft Beer tut der ganzen Bierkultur gut, tut der Region und den Brauereien gut. Wenn man schaut, was in den letzten fünf Jahren hier entstanden ist und was an Brauhäusern geplant ist…

 

Wie siehst Du die Zukunft für Craft Beer in Deutschland? Bleibt es eine kleine Szene?

Ich glaube Letzteres. Ich glaube, man geht in Zukunft in die Gastronomie und bestellt ein IPA, genau wie man heute ein Weizen bestellt. Wir merken das heute schon. Immer mehr Gastronomen melden sich und wollen bestimmte Sorten von uns haben. Die guten Sachen werden sich in den deutschen Biermarkt integrieren. Da wird sich dann noch rausstellen, wer das am Ende ist und macht.

Und was wünschst Du dir für die Zukunft von Kraftpaule?

Wir wünschen uns, Kraftpaule noch lange machen zu können. Wir haben ultra viel Spaß daran, das Thema in Stuttgart mitzugestalten und sind stolz drauf, dass wir das hier als erster gemacht haben. Wir haben das Gefühl, etwas gefunden zu haben, womit wir unsere Stadt aktiv mitgestalten können und das ist für uns ein riesiger Antrieb. Gerade das Craft Beer Festival – zu sehen, wie es immer größer und toller wird.
Wir haben auch Visionen: Wir wünschen uns, auf dem Biermarkt irgendwann mal so angekommen zu sein, dass man sagt: "Der Kraftpaule, der hat die Bierkultur in Stuttgart maßgeblich mitgestaltet".
 

Letzte Frage: Wann gibt’s Kraftpaule auf dem Wasen?

(Lacht) Das war tatsächlich mal eine Vision vor Jahren, das Kraftpaule-Zelt auf dem Volksfest. Ich gehe auch gerne mal einen Abend dort hin, aber gerade das ist eigentlich nicht unser Ziel und Publikum. Wir wollen lieber die Gegenkultur sein, als die Massen zu bedienen. Wenn wir aber mal eingeladen werden, um in einem Zelt eine kleine, feine Craft Beer-Bar zu machen, dann sind wir sehr gerne dabei.

Neugierig geworden?


Hier geht’s zum Kraftpaule: www.kraftpaule.de

KRAFTPAULE
Craft Beer in Stuttgart
Neckarstr. 132
70190 Stuttgart
 
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